Wir dürfen uns in jedem Lebenskapitel neu erfinden
- Marcelina Krauze
- 16. Aug.
- 8 Min. Lesezeit
Über Lebenskapitel, mögliche Selbste und die Gestaltbarkeit unseres Weges
Häufig beginnt ein neues Lebenskapitel ganz offiziell. Mit einem Umzugskarton im Flur. Mit einem unterschriebenen Arbeitsvertrag. Mit einem positiven Schwangerschaftstest. Es gibt ein Datum, vielleicht sogar Fotos davon, und später können wir ziemlich genau sagen: Hier hat sich etwas verändert.
Aber längst nicht jedes neue Kapitel kündigt sich so deutlich an.
Manche beginnen an einem unscheinbaren Dienstagabend. Mit einer Idee, die beim Zähneputzen auftaucht und auch am nächsten Morgen noch da ist. Mit dem Gedanken, dass das eigene Leben eigentlich noch ganz anders aussehen könnte. Vielleicht erzählen wir niemandem davon, weil die Vorstellung zu groß, zu unfertig oder ein wenig verrückt wirkt. Äußerlich geht alles weiter wie bisher. Wir stehen auf, beantworten Nachrichten, fahren zur Arbeit, räumen die Küche auf. Und doch ist da auf einmal diese kleine Öffnung im Gewohnten.
Erst viel später sagen wir: Ich glaube, damals fing es an.
Wenn wir von unserem Leben erzählen, zählen wir schließlich auch nicht jedes Jahr einzeln auf. Wir sagen: damals im Studium, vor dem Umzug, in meiner ersten Wohnung, als ich diesen Job hatte, seit ich Mutter bin. Manche Jahre verschwimmen miteinander. Andere tragen eine ganz eigene Farbe, eine Stimmung, manchmal sogar einen inneren Soundtrack. Wir erinnern uns an die Menschen, die damals jeden Tag vorkamen, an die Straßen, die wir entlangliefen, und daran, wie wir selbst in dieser Zeit gewesen sind.
Wir denken in Lebenskapiteln, weil sie Ordnung in all das bringen.
Doch vielleicht können sie noch mehr: Sie können uns daran erinnern, dass wir in einem neuen Kapitel nicht zwangsläufig dieselbe Rolle weiterspielen müssen. Und dass etwas, das heute noch bloß in unserer Vorstellung existiert, irgendwann so selbstverständlich zu unserem Leben gehören kann, als wäre es schon immer vorgesehen gewesen.
Die früheren Versionen von uns
Wenn ich an meine Studienzeit denke, erinnere ich mich nicht an jede einzelne Vorlesung. Trotzdem ist diese Zeit sofort da. Bestimmte Räume, Gespräche und Wege gehören zusammen. Unser Gedächtnis führt kein ordentliches Tagebuch. Es bündelt Erfahrungen zu größeren Abschnitten. In der Forschung werden solche Abschnitte tatsächlich als Lebenskapitel beschrieben. Sie verbinden Orte, Menschen, Routinen und Ziele zu einem Ganzen.
So entsteht aus unzähligen einzelnen Tagen eine erzählbare Geschichte. Sie hilft uns, zu verstehen, wie aus dem Menschen von damals der Mensch von heute wurde. Der Psychologe Dan McAdams nennt das unsere „narrative Identität“: die Geschichte, die wir aus unserem bisherigen Leben formen und immer wieder überarbeiten.
Dieses Überarbeiten geschieht oft fast unbemerkt. Ein Jahr, das sich mit zwanzig wie verlorene Zeit angefühlt hat, kann mit dreißig plötzlich anders aussehen. Eine Tätigkeit, die scheinbar zu nichts geführt hat, liefert Jahre später genau die Erfahrung, die wir für etwas Eigenes brauchen.
Die Vergangenheit selbst verändert sich dadurch nicht. Aber das, was sie für unser weiteres Leben bedeutet, ist weniger festgeschrieben, als wir oft glauben.
Ein normales Leben – welches eigentlich?
Neben unseren eigenen Geschichten gibt es noch die Geschichten, die längst da waren, bevor wir überhaupt über unser Leben nachdenken konnten.
Wir lernen früh, wie ein gewöhnlicher Lebenslauf ungefähr aussehen soll: Schule, Ausbildung oder Studium, Beruf, Partnerschaft, vielleicht Heirat und Kinder, später der Ruhestand. Nicht nur die Reihenfolge scheint festzustehen, sondern auch der richtige Zeitpunkt. Wer abweicht, muss sich häufig erklären, selbst dann, wenn das gewählte Leben sehr viel besser zur eigenen Person passt.
Die Gedächtnisforschung spricht von kulturellen Lebensskripten. Gemeint sind gemeinsam geteilte Vorstellungen darüber, welche Ereignisse zu einem „normalen“ Leben gehören und wann sie eintreten sollten. Solche Skripte können Orientierung geben. Schwierig werden sie, wenn wir vergessen, dass sie keine Naturgesetze sind.
Denn wo genau ist dieses eine normale Leben zu finden?
Menschen wechseln mit vierzig den Beruf, bekommen früh Kinder oder gar keine, leben in mehreren Ländern, gründen neben einer Teilzeitstelle, kehren zu etwas zurück, das sie vor Jahren aufgegeben hatten, oder verbinden Rollen, die in keinem klassischen Berufsprofil nebeneinanderstehen. Familie und Arbeit können völlig anders aufgeteilt sein als im eigenen Elternhaus.
Was wir für normal halten, ist oft nur das, was wir am häufigsten gesehen haben.
Ein eigenes Lebensmodell zu entwerfen, bedeutet deshalb nicht, vor der Realität zu fliehen. Es kann das genaue Gegenteil sein: endlich ernst zu nehmen, wie man tatsächlich leben, arbeiten, lieben und den eigenen Tag verbringen möchte.
Mein Leben hätte auch einfach logisch weitergehen können
Marcis Kreativshop und das Inspozin standen nicht als erwartbarer nächster Schritt in meinem Lebenslauf. Niemand hätte auf meine bisherigen Stationen geschaut und gesagt: Natürlich, daraus folgt nun ein eigenes Magazin.
Mein Leben hätte sehr logisch weitergehen können. Eine passende Stelle, ein bekanntes Tätigkeitsfeld, ein Weg, den andere sofort verstanden hätten. Daran wäre nichts falsch gewesen. Aber es hätte einen großen, für mich sehr bedeutsamen Teil von mir nicht aufgenommen, all die Themen, Bilder, Ideen und Beobachtungen, die keinen gemeinsamen Ort hatten. Heute gehört all das zu meinem wirklichen Leben, zum Glück!
Möglicherweise schöpfe ich gerade daraus so viel Lebensenergie: aus dem Wissen, dass ich nicht nur fortsetzen muss, was bereits begonnen war. Ich kann etwas hinzufügen, für das es vorher noch keinen vorgesehenen Platz gab. Und während ich dieses Etwas erschaffe, verändert sich auch mein Bild von mir selbst.
Ich glaube, Selbsterfindung fühlt sich selten an wie ein einziger großer Entschluss. Oft wächst man eine Weile neben dem bisherigen Leben her. Man denkt anders, bevor man anders handelt. Man beginnt etwas, ohne schon zu wissen, welche Bedeutung es bekommen wird. Erst nach und nach wird aus Ich könnte vielleicht ein Das mache ich, und irgendwann ein Das bin auch ich.
Post von Marci
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Fantasie ist nicht das Gegenteil von Wirklichkeit
Fantasie hat einen etwas ungerechten Ruf. Sie klingt nach Tagträumen, erfundenen Welten und einer Pause vom echten Leben. Nach etwas Schönem, aber nicht besonders Nützlichem. Dabei könnten wir ohne Fantasie nur das wählen, was wir schon kennen.
Wir würden vorhandene Rollen vergleichen, vernünftige Möglichkeiten abwägen und wahrscheinlich die Fortsetzung wählen, die unserem bisherigen Weg am ähnlichsten sieht. Fantasie macht etwas anderes. Sie hält kurz inne und fragt: Was, wenn die Auswahl noch gar nicht vollständig ist?
Manchmal sehen wir eine Person, einen Ort oder eine Arbeitsweise und spüren sofort: So etwas fehlt mir in meinem Leben. Manchmal entsteht eine Möglichkeit aus zwei Dingen, die bislang nicht zusammenzupassen schienen. Vielleicht möchten wir nicht zwischen Familie und einem eigenen Projekt wählen, sondern einen Rhythmus finden, in dem beides vorkommen darf. Vielleicht suchen wir keinen neuen Beruf aus einer Liste, sondern bauen uns aus verschiedenen Fähigkeiten eine Tätigkeit, die noch keinen eindeutigen Namen hat.
Die Psychologie kennt dafür den Begriff der „Possible Selves“, mögliche Versionen unserer selbst. Neben dem Bild davon, wer wir gerade sind, tragen wir Vorstellungen davon in uns, wer wir werden könnten. Manche ziehen uns an, andere möchten wir unbedingt vermeiden. Diese inneren Bilder beeinflussen, worauf wir achten und welche Gelegenheiten wir überhaupt erkennen. Bevor wir etwas werden können, müssen wir es uns zumindest in irgendeiner Form vorstellen können.
Das heißt nicht, dass jede Vorstellung sofort wahr wird. Aber sie verändert den Raum des Denkbaren. Sobald ich mich selbst nicht mehr ausschließlich in meiner bisherigen Rolle sehe, bemerke ich vielleicht einen Kurs, einen Kontakt oder eine Idee, an der ich früher vorbeigegangen wäre. Noch ist nichts entschieden. Aber eine Tür, die vorher gar nicht zu existieren schien, ist sichtbar geworden.
Und dann braucht die Vorstellung einen Platz an einem ganz normalen Dienstag
Fantasie allein verändert noch keinen Alltag. Irgendwann muss eine Idee zwischen Einkauf, Müdigkeit, Geldfragen, Arbeit und all den anderen Dingen auftauchen dürfen, die bereits da sind.
Hier beginnt für mich die alltägliche Kreativität.
Kreativität zeigt sich auch darin, wie wir Vorhandenes neu miteinander verbinden. Wie wir aus Wissen, Erfahrungen, Sehnsüchten und ganz praktischen Bedingungen eine Form bauen, die es so vorher nicht gab.
Natürlich sind unsere Möglichkeiten nicht grenzenlos. Geld macht einen Unterschied. Gesundheit, Sorgearbeit, Aufenthaltsort, Beziehungen und verfügbare Zeit ebenfalls. Es wäre zynisch, so zu tun, als ließe sich jede Grenze mit genügend Mut auflösen.
Doch zwischen Alles ist möglich und So ist es nun einmal liegt ein großer Raum. Und diesen Raum können wir bewusst gestalten!
Möglicherweise kann eine Idee gerade nur zwei Stunden in der Woche bekommen. Vielleicht braucht sie mehrere Anläufe. Manchmal genügt es, einer möglichen Version von uns einen ersten Auftritt zu geben. Eine Seite zu schreiben, bevor wir uns Autorin nennen. Etwas zu verkaufen, bevor daraus ein Geschäft geworden ist. Einen Tag so zu planen, wie er zu uns passt, statt wie er gewöhnlich geplant wird, als wirkliche Erfahrung: Wie fühlt sich mein Leben an, wenn diese Seite von mir darin vorkommt?
Wir müssen das frühere Ich nicht zurücklassen
„Sich neu erfinden“ klingt schnell nach einem Vorher-Nachher-Bild. Hier das alte Ich, dort die vollkommen neue Person. Aber so erlebe ich es nicht.
Wir nehmen erstaunlich viel mit.
Etwas aus dem Studium oder einer Ausbildung findet Jahre später Eingang in ein Projekt. Ein Beruf, der nicht gepasst hat, schärft den Blick dafür, wie wir künftig arbeiten möchten. Eine Sprache, eine Herkunft oder ein Interesse, das lange wie ein Nebenthema wirkte, wird plötzlich zum unverwechselbaren Teil von etwas Eigenem.
Neuerfindung kann bedeuten, Teile von uns zusammenzubringen, die vorher in verschiedenen Schubladen lagen. Ein neues Kapitel löscht die früheren nicht. Manche Rollen werden leiser, andere rücken nach vorn, wieder andere bekommen überraschend eine neue Bedeutung. Wir dürfen mehr als eine Entwicklung gleichzeitig erleben.
Das nimmt auch den Druck, für eine ganze Lebensphase nur eine Überschrift finden zu müssen.
Privat kann gerade ein großes Ankommen stattfinden, während beruflich noch vieles offen ist. Ein äußerlich ruhiges Jahr kann innerlich voller Bewegung sein. Ein glückliches Kapitel darf anstrengend sein. Ein schwieriges kann helle Stellen haben.
Ein Leben wird nicht unglaubwürdig, nur weil mehrere Dinge gleichzeitig wahr sind.
Wir dürfen uns in jedem Lebenskapitel neu erfinden, indem wir uns nicht vollständig von dem festlegen lassen, was bisher da war.
Fantasie lässt uns dieses andere Leben zuerst sehen. Kreativität hilft uns, ihm einen Platz im wirklichen Alltag zu bauen.
Nimm eine Möglichkeit, die dich nicht loslässt, für einen Moment ernst. Gib ihr in den nächsten Tagen eine konkrete Form: als Notiz, freie Stunde, Gespräch oder ersten Versuch. Du musst noch nicht wissen, wohin sie führt. Es reicht, dass sie in deinem wirklichen Leben einmal vorkommen darf.
Mich faszinieren die Möglichkeiten, die noch in unserem Leben verborgen liegen: die Lebensentwürfe anderer Menschen, neue Perspektiven und all das, was wir im Alltag leicht übersehen. Weil ich solche Entdeckungen sammle und mit dir teilen möchte, ist das Inspozin entstanden. Dort findest du Gedanken über Lebensgestaltung, Alltagskultur, Kunst und Kreativität, persönliche Geschichten und besondere Entdeckungen. Wenn du Lust hast, dein eigenes Leben weiterzudenken und dich immer wieder von neuen Möglichkeiten überraschen zu lassen, findest du das Inspozin als Printmagazin und als digitale Ausgabe bei Marcis Kreativshop.
Quellen und weiterführende Literatur
Berntsen, D., & Rubin, D. C. (2004). Cultural life scripts structure recall from autobiographical memory. Memory & Cognition, 32(3), 427–442. https://doi.org/10.3758/BF03195836
McAdams, D. P., & McLean, K. C. (2013). Narrative identity. Current Directions in Psychological Science, 22(3), 233–238. https://doi.org/10.1177/0963721413475622
Markus, H., & Nurius, P. (1986). Possible selves. American Psychologist, 41(9), 954–969. https://doi.org/10.1037/0003-066X.41.9.954
Oyserman, D., & Horowitz, E. (2023). From possible selves and future selves to current action: An integrated review and identity-based motivation synthesis. Advances in Motivation Science, 10, 73–147. https://doi.org/10.1016/bs.adms.2022.11.003
Steiner, K. L., Thomsen, D. K., & Pillemer, D. B. (2017). Life story chapters, specific memories, and conceptions of the self. Applied Cognitive Psychology, 31(5), 478–487. https://doi.org/10.1002/acp.3343
Thomsen, D. K., Steiner, K. L., & Pillemer, D. B. (2016). Life story chapters: Past and future, you and me. Journal of Applied Research in Memory and Cognition, 5(2), 143–149. https://doi.org/10.1016/j.jarmac.2016.03.003


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