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Woher neue Möglichkeiten für unser Leben kommen

Fachwerkhaus mit blauen Fensterläden und einem kleinen Geschäft in der Altstadt von Weißenburg im Elsass.

Weshalb Reisen, Bücher und Begegnungen uns zeigen, wer wir sein könnten


Jede Vorstellung davon, wie unser Leben aussehen könnte, hat irgendwo ihren Ursprung. In einer Begegnung, einer Geschichte oder an einem Ort, der uns zeigt, dass die Welt größer ist als der eigene Alltag.


Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los, nachdem ich vor einigen Wochen einen Nachmittag in Weißenburg im Elsass verbracht hatte. Eigentlich war es nur ein spontaner Ausflug an meinem Geburtstag. Gerade einmal etwas mehr als eine Stunde von zu Hause entfernt. Und doch passierte etwas, das ich so fast nur von Reisen kenne.


Ich wurde langsamer. Mein Blick blieb an alten Fachwerkhäusern hängen, an kleinen Restaurants, an Fenstern voller Blumen und an Menschen, die scheinbar ohne Eile durch die Straßen gingen.


Ich bemerkte, dass ich längst nicht mehr nur die Stadt betrachtete.

Ohne es bewusst zu entscheiden, begann ich mir vorzustellen, wie mein eigenes Leben hier aussehen würde.


  • Wo ich morgens Brötchen holen würde.

  • Welchen Weg ich jeden Tag zur Arbeit laufen würde.

  • Welche Cafés irgendwann zu meinen Lieblingsorten werden könnten.


Es war kein ernsthafter Wunsch, umzuziehen. Trotzdem schien mein Kopf plötzlich Möglichkeiten zu sehen, die wenige Stunden zuvor überhaupt keine Rolle gespielt hatten.


Warum passiert das eigentlich?


Ich begann zu recherchieren. 


Die erste Spur führte in die Neurowissenschaft.

Dort fand ich eine Erklärung, allerdings nur für einen Teil des Phänomens.


Unser Gehirn arbeitet erstaunlich effizient. Im Alltag erkennt es Muster, automatisiert Abläufe und filtert unzählige Eindrücke heraus, damit wir nicht ständig jede Kleinigkeit bewusst verarbeiten müssen. Würden wir den Weg zum Supermarkt jeden Tag so aufmerksam erleben wie den ersten Spaziergang durch eine fremde Stadt, wäre das unglaublich anstrengend.


An einem neuen Ort funktioniert dieses automatische Programm plötzlich nicht mehr.

Unser Blick bleibt an Dingen hängen, die wir zu Hause wahrscheinlich übersehen würden. Wir lesen Straßenschilder, betrachten Fassaden, lauschen einer Sprache, die wir vielleicht gar nicht verstehen, und versuchen unbewusst, aus all den neuen Eindrücken ein stimmiges Bild entstehen zu lassen.


Damit war zwar erklärt, warum wir aufmerksamer werden. Aber die eigentlich spannende Frage blieb offen.


Warum bringt uns ein neuer Ort nicht nur dazu, genauer hinzusehen, sondern plötzlich auch anders über unser eigenes Leben nachzudenken?


Die Antwort darauf fand ich erst, als ich über ein psychologisches Konzept stolperte, das auf den ersten Blick erstaunlich unscheinbar wirkt und das doch eine der schönsten Erklärungen liefert, die ich seit Langem gelesen habe. 


In den 1980er-Jahren entwickelten die Psychologinnen Hazel Markus und Paula Nurius ein Konzept, das sie Possible Selves nannten. Gemeint sind damit all die Versionen unserer selbst, die theoretisch einmal Wirklichkeit werden könnten. Nicht nur die Person, die wir heute sind, sondern auch die Menschen, zu denen wir uns entwickeln könnten, je nachdem, welche Erfahrungen wir machen, welchen Menschen wir begegnen und welche Möglichkeiten wir überhaupt kennenlernen. 


Die Frage, die mich daran am meisten fasziniert ist:


Woher kommen diese möglichen Versionen unseres Selbst eigentlich? 


Niemand erfindet sie aus dem Nichts. Unser Gehirn braucht Bilder, Geschichten und Erfahrungen, um sich vorstellen zu können, wie ein Leben aussehen könnte.


Genau darin liegt für mich der besondere Wert des Reisens. An fremden Orten begegnen uns Lebensweisen, die im eigenen Alltag kaum vorkommen. In Kopenhagen erleben wir, wie selbstverständlich das Fahrrad zum täglichen Leben gehört. In einem kleinen italienischen Ort sehen wir, wie sich am Abend das Dorf auf dem Marktplatz trifft. In Japan fällt uns die Sorgfalt auf, mit der selbst alltägliche Handgriffe ausgeführt werden. In Schottland entdecken wir eine Buchhandlung, in der Bücher einen ganz anderen Stellenwert haben als in vielen deutschen Innenstädten.


Solche Beobachtungen zeigen uns, dass Leben auf sehr unterschiedliche Weise gestaltet werden kann. Mit jeder davon wird unser Bild von der Welt ein wenig größer. Und mit ihm wächst auch der Raum dessen, was wir uns für unser eigenes Leben vorstellen können.


Deshalb taucht auf Reisen so oft diese eine Frage auf:


„Wie wäre es eigentlich, hier zu leben?“


Früher hielt ich sie für eine harmlose Fantasie. Heute glaube ich, dass unser Gehirn in diesem Moment eine Möglichkeit erprobt. Es stellt sich vor, wie sich ein anderer Alltag anfühlen könnte, welche Gewohnheiten wir entwickeln würden und welche Seiten unserer Persönlichkeit dort mehr Raum bekämen.


Dieser Vorgang ist nicht auf Reisen beschränkt.


Dasselbe passiert, wenn wir eine Biografie lesen, eine Dokumentation sehen oder in einer Geschichte einem Leben begegnen, das uns bisher fremd war. Auch Bücher, Kunst, Geschichte und Reportagen erweitern deshalb mehr als unser Wissen. Sie vergrößern den Raum dessen, was wir überhaupt für möglich halten.



Wie du deinen eigenen Möglichkeitsraum vergrößerst 


Das Schöne an dieser Erkenntnis ist, dass wir unseren Möglichkeitsraum ganz bewusst erweitern können. Dafür müssen wir weder ständig verreisen noch unser Leben komplett verändern. Sobald wir wissen, wonach wir suchen, begegnen uns neue Möglichkeiten überall.


Dort, wo Menschen anders leben


Einer der einfachsten Wege, den eigenen Möglichkeitsraum zu erweitern, ist es, den Alltag anderer Menschen bewusst zu beobachten. Das kann auf Reisen passieren, genauso aber in der eigenen Stadt oder an jedem anderen Ort, an dem Menschen anders leben als wir selbst.


  • Wie verbringen Menschen ihren Feierabend?

  • Welche Rituale gehören ganz selbstverständlich zu ihrem Alltag?

  • Was ziehen sie an?

  • Was essen sie?


Jede dieser Beobachtungen vermittelt dieselbe Erkenntnis:

„So kann Leben also auch aussehen.“


Im Gespräch mit anderen Menschen

Eine der größten Quellen neuer Möglichkeiten sind andere Menschen.

Jeder Mensch trägt Erfahrungen in sich, die wir selbst nie gemacht haben. Andere Berufe. Andere Kindheiten. Andere Kulturen. Andere Träume. Andere Wege durchs Leben.

Deshalb frage ich Menschen unglaublich gerne nach ihrem Alltag.

Oft reicht ein einziges Gespräch aus, um das eigene Leben aus einer neuen Perspektive zu betrachten.


In Büchern, Filmen und Geschichten

Geschichten gehören zu den stärksten Quellen neuer Möglichkeiten.

Ein Roman, eine Dokumentation oder ein Film vermittelt nicht nur Wissen oder Unterhaltung. Er lässt uns für eine Weile in ein anderes Leben eintauchen.

Wir begleiten Menschen mit Berufen, Gewohnheiten und Entscheidungen, die wir selbst niemals getroffen hätten.

Genau dadurch entstehen neue Vorstellungen davon, wie Leben aussehen kann.

Nicht als Vorlagen, die wir kopieren müssen.

Sondern als Möglichkeiten, die unser Gehirn überhaupt erst kennenlernt.


Im Alltag

Man muss nicht ans andere Ende der Welt reisen, um den eigenen Möglichkeitsraum zu erweitern.

  • Eine Ausstellung.

  • Eine Buchhandlung.

  • Ein Podcast.

  • Ein Museum.

  • Ein kleines Geschäft in der Nachbarstadt.

  • Oder ein Gespräch mit jemandem, den man sonst wahrscheinlich nie angesprochen hätte.


Überall dort begegnen uns neue Ideen, neue Gewohnheiten und neue Lebensentwürfe.

Je vielfältiger die Eindrücke sind, die wir sammeln, desto größer wird auch der Raum dessen, was wir uns für unser eigenes Leben vorstellen können.


Neue Möglichkeiten beginnen mit neuen Perspektiven


Neue Möglichkeiten für unser Leben entstehen selten aus dem Nichts. Meist entdecken wir sie, weil wir Menschen begegnen, Geschichten kennenlernen oder einen Blick in Lebenswelten werfen, die uns bisher fremd waren.

Je mehr Perspektiven wir sammeln, desto größer wird der Raum dessen, was wir für unser eigenes Leben überhaupt für möglich halten.


Deshalb lohnt es sich, neugierig zu bleiben. Denn jede Entdeckung erweitert unseren Blick ein kleines Stück. Manchmal bleibt davon einfach nur ein schöner Gedanke. Manchmal verändert sie die Art, wie wir unseren Alltag sehen. Und manchmal wird daraus Jahre später eine Entscheidung, die wir ohne diese Begegnung vielleicht nie getroffen hätten.


Mit genau diesem Gedanken entsteht auch jede Ausgabe des Inspozin-Magazins.

Darin teile ich Geschichten, Perspektiven und Entdeckungen, die unseren Möglichkeitsraum erweitern können. Von historischen Ereignissen über Reisen, Bücher und Rezepte bis hin zu kreativen Lebensentwürfen und Menschen, die ihren eigenen Weg gefunden haben.


In der Hoffnung, dass zwischen diesen Seiten genau die Geschichte liegt, die auch deinen Blick auf die Welt ein kleines Stück erweitert.


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Deine Marci! ❤


P.S.: Genau solche Geschichten, Gedanken und Entdeckungen sammle ich auch außerhalb des Blogs. Ein Teil davon findet später seinen Weg in einen Artikel wie diesen oder ins Inspozin, vieles teile ich aber schon vorher in meinem Newsletter. Wenn dich solche Themen interessieren, freue ich mich, wenn du dort mitliest :)



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