Die Kunst des Alleinseins: Von Ohitorisama bis Positive Solitude
„Für wie viele Personen?“ – „Für mich allein.“

Ein kurzer Wortwechsel am Restauranteingang. Für die einen selbstverständlich, für andere schon beim Gedanken daran ziemlich unangenehm. Dabei wartet drinnen genau das, worauf man sich freut: gutes Essen und ein Abend ohne Abwasch. Warum fühlt es sich allein trotzdem oft so an, als müsste man sich erklären?
Ohitorisama: Was steckt hinter dem japanischen Begriff?
Bei der Arbeit an der 4. Inspozin-Ausgabe bin ich auf einen Begriff gestoßen, der mich neugierig gemacht hat: Ohitorisama. In erster Linie ist das eine höfliche, japanische Bezeichnung für eine einzelne Person, etwa einen Gast ohne Begleitung. Der Begriff wird aber auch im Zusammenhang mit eigenständiger Lebensgestaltung verwendet. Besonders die Unabhängigkeit von Frauen spielt in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Begriff eine Rolle (Dales, 2014).
Wie konkret das aussehen kann, zeigen in Japan Angebote, die ausdrücklich für Unternehmungen allein gemacht sind. Bei der Ramen-Kette Ichiran sitzt man beispielsweise an einem Tresen mit seitlichen Trennwänden. Vor einem steht die dampfende Nudelsuppe, auf die man sich in Ruhe konzentrieren kann. Das würde ich auch gerne mal ausprobieren!
Und beim Anbieter 1Kara gibt es Karaoke-Räume für eine Person: mit Kopfhörern und einem richtigen Studiomikrofon. Einfach für sich allein singen, ohne Druck oder Schamgefühl! (Ichiran, o. J.; 1Kara, o. J.). Selbst Aktivitäten, die man schnell mit einer geselligen Runde verbindet, bekommen hier eine Variante für eine Person. Wer allein kommt, ist bei diesen Angeboten von Anfang an mitgedacht. Das kann die Frage „Kann ich da allein hingehen?“ ziemlich einfach beantworten und nimmt Druck raus. Denn der Druck entsteht insbesondere dadurch, dass etwas unüblich ist. Hier ist uns Japan deutlich voraus.
Lust auf mehr solcher Themen?
Mit Post von Marci erfährst du von neuen Blogartikeln
zu spannenden Themen und von allem Neuen aus dem
Inspozin und Marcis Kreativshop.
Zur Begrüßung: eine kostenlose digitale Inspozin-Ausgabe und 10 % Rabatt :)
Natürlich bedeutet das nicht, dass Alleinsein in Japan überall unbefangen gesehen wird. Ichiran erzählt selbst, dass sich manche Frauen beim alleinigen Restaurantbesuch unwohl fühlten und genau das die Entwicklung der abgeschirmten Plätze mit angeregt hat (Ichiran, o. J.). Solche Angebote greifen also auch Hemmungen auf, die einem durchaus bekannt vorkommen können.
Denn beim Gedanken an einen Restaurant- oder Kinobesuch ohne Begleitung taucht schnell die Frage auf: Wie sieht das für die anderen aus? Wirkt es, als hätte ich niemanden gefunden? Dabei weiß niemand am Nachbartisch, ob man gerade Gesellschaft vermisst oder seinen Abend bestens genießt. Dennoch, wenn man es nicht gewöhnt ist, fühlt es sich für viele von uns manchmal irgendwie seltsam an.
Genau deshalb hat mich Ohitorisama zum Nachdenken gebracht: Wie viele schöne Dinge machen wir eigentlich davon abhängig, ob noch jemand mitkommt?
Positive Solitude: Was Zeit für uns selbst wertvoll macht
Dass Alleinsein einen eigenen Reiz haben kann, beschäftigt auch die Psychologie. Positive Solitude bezeichnet bewusst gewählte Zeit für sich, die als bereichernd erlebt wird. In einer Interviewstudie mit 124 Teilnehmenden zeigten sich drei zentrale Merkmale: Diese Zeit ist selbst gewählt, angenehm und persönlich bedeutsam (Ost Mor et al., 2021).
Gerade mit dieser persönlichen Bedeutung kann ich viel anfangen. In meinen eigenen vier Wänden genieße ich das Alleinsein schon lange. Wenn gerade niemand etwas von mir möchte, merke ich oft erst, womit ich mich selbst gerne beschäftigen würde. Ein Gedanke taucht wieder auf, für den vorher keine Zeit war. Ich bekomme Lust, etwas aufzuschreiben oder einer Idee nachzugehen, ganz in Ruhe und in meinem Tempo.
Alleinsein genießen, ohne Einsamkeit schönzureden
Natürlich gibt es auch die Abende, an denen man gerne jemanden neben sich hätte. Um vom Tag zu erzählen, gemeinsam über etwas zu lachen oder einfach zusammen zu sein. Dann hilft es wenig, sich einzureden, wie schön Alleinsein doch sein kann.
Einsamkeit beschreibt das Gefühl, dass einem Verbindung fehlt. Zeit allein kann dagegen ausgesprochen willkommen sein.
Auch wer gerne für sich ist, kann nach ein paar ruhigen Stunden Lust auf Gesellschaft bekommen. Ich finde, darin liegt etwas sehr Entlastendes: Man muss sich nicht auf das Eine oder Andere festlegen. Man kann seine Ruhe genießen und später eine Freundin anrufen. Beides gehört zu einem Leben, in dem man die eigenen Bedürfnisse ernst nimmt.
15 Ideen für schöne Unternehmungen allein
In Ruhe shoppen gehen. Zehn Teile anprobieren, einen ungewohnten Schnitt testen und noch einmal in den ersten Laden zurückgehen. Niemand wartet vor der Umkleide.
Eine Stadt in der Nähe erkunden. Dort kennt dich wahrscheinlich niemand, und allein unterwegs zu sein fühlt sich zwischen Reisenden und Passanten oft weniger auffällig an. Zeit für einen kleinen Entdeckungstag.
Allein ins Kino gehen. Den Film auswählen, auf den du wirklich Lust hast, auch wenn niemand deinen Geschmack teilt. Sobald das Licht ausgeht, schauen ohnehin alle auf die Leinwand.
Mit einem Buch ins Café gehen. Einen schönen Platz suchen, etwas bestellen und ein paar Kapitel lesen. Gerade für den ersten Cafébesuch allein kann das Buch eine angenehme Begleitung sein.
Über einen Flohmarkt stöbern. Jede Plattenkiste durchsehen, alte Postkarten entziffern und nach ungewöhnlichen Fundstücken suchen. So lange, wie es dir Spaß macht.
Eine Ausstellung besuchen. Bei einem Bild lange stehen bleiben und andere überspringen. Du musst weder aufholen noch warten und kannst ganz deinem Interesse folgen.
Einen Fotospaziergang machen. Such unterwegs nach schönen Haustüren, ungewöhnlichen Schatten oder deiner Lieblingsfarbe. Auch eine bekannte Straße hat plötzlich einiges zu bieten.
In einer Buchhandlung versinken. In Bücher hineinlesen, zwischen den Abteilungen wechseln und bei einem Thema landen, nach dem du gar nicht gesucht hast.
Allein frühstücken gehen. Zeitung, Kaffee und etwas, das du dir zu Hause selten zubereitest. Dafür lohnt es sich, am freien Morgen das Haus zu verlassen.
Einen Kreativkurs ausprobieren. Keramik bemalen, drucken oder zeichnen: Du kannst dich auf das Material konzentrieren und kommst über die gemeinsame Beschäftigung bei Lust auch mit anderen ins Gespräch.
Ins Schwimmbad oder in die Therme gehen. Das eigene Tempo schwimmen, lange im warmen Wasser bleiben oder zwischendurch lesen. Der Ablauf richtet sich ganz danach, was dir gerade guttut.
Über einen Wochenmarkt schlendern. Etwas Unbekanntes entdecken, nach der Zubereitung fragen und daraus zu Hause ein Essen nur für dich kochen.
Einen botanischen Garten besuchen. Pflanzen anschauen, merkwürdige Namen lesen, eine Runde durch das Gewächshaus drehen. Und auf der schönsten Bank einfach sitzen bleiben.
Ein Konzert besuchen, für das sich niemand anschließen möchte. Deine Lieblingsmusik live hören, ohne jemanden erst dafür begeistern zu müssen. Vor Ort teilst du die Vorfreude ohnehin mit anderen Fans.
Eine kleine Zugreise machen. Ein gut erreichbares Ziel aussuchen, einen Fensterplatz suchen und schon die Fahrt genießen. Vor Ort reicht für den Anfang ein Spaziergang – der Rest darf sich ergeben.
Mehr zur Kunst des Alleinseins im Inspozin
In Inspozin Nr. 4 beschäftige ich mich in den Beiträgen „Ohitorisama“ und „Die Kunst des Alleinseins“ ausführlicher mit diesen Themen. Lies gerne rein! :)
Deine Marci
Literaturverzeichnis
1Kara. (o. J.). What’s 1Kara? Abgerufen am 21. September 2026, von 1Kara.
Dales, L. (2014). Ohitorisama, Singlehood and Agency in Japan. Asian Studies Review, 38(2), 224–242. DOI: 10.1080/10357823.2014.902033
Ichiran. (o. J.). Five Originals. Abgerufen am 21. September 2026, von Ichiran.
Ost Mor, S., Palgi, Y., & Segel-Karpas, D. (2021). The Definition and Categories of Positive Solitude: Older and Younger Adults’ Perspectives on Spending Time by Themselves. The International Journal of Aging and Human Development, 93(4), 943–962. DOI: 10.1177/0091415020957379
Yakiniku Like. (o. J.). Offizielle Website. Abgerufen am 21. September 2026, von Yakiniku Like.







Kommentare